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Pfingsten 1917, eine wahre Geschichte – Teil 2

Weiter von Teil 1…

…Sie wird Hamm und das Haus im Schleppweg nicht wiedersehen…

Berta hat einen Jakob Valentin Schölch (1865-1929) am 4. Dezember 1896 geheiratet, der aus Eberbach am Neckar stammt. Sie hat zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Fotos bereits zwölf Kinder geboren. Nur acht davon werden allerdings das Erwachsenenalter erreichen. Sie wird dafür sorgen, dass auch die Mädchen einen Beruf erlernen. Aber das ist nicht das einzige, was ungewöhnlich ist. In der Familie Schölch scheint sich der Norden mit dem Süden vermählt zu haben. P1080120-TheaIhre Kinder sind blond und blauäugig oder eben dunkel und haben braune Augen wie unsere Großmutter. Die Lebenslust steht offenkundig im Widerspruch zusr Pflicht, die Härte mit der Poesie. Berta ist katholisch, Jakob evangelisch. Zu dieser Zeit ungewöhnlich. Im erzkatholischen Westfalen sicher nicht nur spöttisch betrachtet. Jakob aber hat sich mit einer gutmütigen, hilfsbereiten Art nach oben gearbeitet. Schließlich weiß er, was Verlust und Demütigung bedeuten.

Denn nachdem seine Mutter Susanna Rosina, geborene Eiermann, mit vierundvierzig 1881 Eberbachund ein Jahr später sauch sein Vater Georg Jakob Schölch mit ebenfalls vierundvierzig Jahren gestorben waren und ein Treuhänder das Vermögen veruntreut hat, ging der junge, mittellose Herr Schölch mit seinem Bruder Franz nach Westfalen. Franz wird in Essen wohnen. Jakob geht nach Hamm. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Er wird seine Heimat nie wiedersehen, und ein Leben lang ernst und bisweilen wehmütig von den hügeligen Landschaft des Neckars erzählen, von den nicht enden wollenden Sommern, den vorbeifahrenden Lastkähnen auf dem Neckar und den Sonnenuntergängen, die alles romantisieren. Wie Friedrich Hölderlin (1770-1843) in seinem Gedicht „Der Neckar“ schreibt: „In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf/ Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,/ Und all der holden Hügel, die dich/ Wanderer! Kennen, ist keiner fremd mir.“

Er, Jakob Valentin Schölch, kannte vielleicht diese Zeilen nicht, aber das Gefühl der Fremdheit und des Befremdetseins war ihm, davon darf man wohl getrost ausgehen, mehr als geläufig. Er wird ein Leben lang Heimweh haben. Schon mit seinem badischem Dialekt war er ein Fremdling in der neuen, angenommenen Heimat. Zur Zeit der Entstehung hat er das Felllager des Hammer Schlachthofs unter sich. Der Familie geht es gut. Sie haben ein eigenes Haus. Sie bauen Gemüse an, vom Schlachthof kommt das Fleisch. Ich erinnere mich, dass unsere Großmutter Elisabeth (1905-1990) manchmal sagte: „Er trank Rinderbrühe schon zum Frühstück.“ Später haben manche behauptet, das sei die Ursache für seine Arterienverkalkung gewesen, an der er starb.

Erst Mitte der 1970er Jahre wird unsere Großmutter die kleine Stadt am Neckar besuchen, in der ihr Vater aufwuchs. Unsere Großeltern Erich und Elisabeth sind später mehrmals dorthin gefahren. Ich erinnere mich – ich war vielleicht acht – dass meine Mutter, sie und ich in der Nähe der Lippe-Wiesen spazieren gingen. Es roch nach Malz, das von der Brauerei Isenbeck herübergeweht kam, während sie über diese für sie fremde, faszinierende Landschaft und ihren Vater erzählte, den sie so gerne reden hörte, weil er das sanfte, lyrische Badisch sprach. Ich glaube, sie hat seinen Tod nie verwunden und sie fuhr nach Eberbach vielleicht nur, um den Dialekt, den Ton des Vaters, die Vatersprache, zu hören und um ihm dadurch für Augenblicke wieder hörbar nahe zu sein. „Ich hatte einen guten Vater“, sagte sie oft, nicht nur bei dieser Gelegenheit, wie ich weiß. Unsere Großmutter ist zurzeit dieses Familienportraits zwölf. Damit sie sich gerade hält, hat der Fotograf hinter ihr ein schmales Gestell platziert, an das sie sich lehnen muss. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits ein Jahr bei ihrem Onkel Franz Schölch und seiner Familie in Essen gelebt. Sie ging dort in die Schule. In Hamm hätte sie einen Lehrer als Klassenlehrer bekommen, der für seine drakonischen Strafen berüchtigt war und zuvor ein Kind mit dem Rohrstock bis zur Besinnungslosigkeit geschlagen hatte. Mutter Berta ist in ihrer Einstellung konsequent und human. Das will sie ihrer Tochter keinesfalls zumuten. Sie steht neben ihrer Mutter, mit weißem Kragen und dunkler Schleife. Fröhlich, fromm und verschmitzt, den Blick voll entschlossener Ironie mit höflicher, hoffnungsfroher Nachdenklichkeit – so, wie sie eben auch später meiner Meinung nach war.
Auf dem Schoß von Mutter Berta sitzt die zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ganz zweijährige Franziska, Zissi genannt. Schaut sie erstaunt oder erschrocken ob des Blitzes? Niemand wird sich in dieses kleine Gesicht wirklich hineindenken können. Ess ist eher von beeindruckender Unschuld, einem eher weichen Ungelebtsein. Auch Franziska wird Köchin und später einen Wilhelm Tietz heiraten, der 1943 als Offizier zuletzt an der Roten Mühle in Stalingrad  gesehen wird. Dann verwischen sich seine Spuren. Ein Schatten vielleicht, noch lebendig, der sich atomisiert. Er war einer von 60.000 Toten. Es wird ihr unendlich schwerfallen, ihren Mann in den 50er Jahren für tot erklären zu müssen, um eine Kriegerwitwenrente beziehen zu können. Sie heiratete nicht wieder. In den 70er Jahren hatte sie einen Freund. Er fiel beim Kirschenpflücken von der Leiter und brach sich das Genick.
P1080120-MariaNeben ihr steht mit einem Körbchen in der Hand Maria (1913-1960), gerade vier geworden. Sie wird den besten Freund von Wilhelm Tietz heiraten: Fritz Wedekind, der aus Hannover stammt.  Sie stirbt mit gerade einmal 47 Jahren an einem Herzanfall.

Neben unserer Großmutter Elisabeth steht ihr Bruder Hermann (1900-1972). P1080120-HermannEr ist das älteste, noch lebende Kind. Vier Geschwister sind bereits als Kinder gestorben. Heinrich starb an Masern. Es wurde danach wieder ein Junge geboren, der ebenfalls auf den Namen Heinrich getauft wurde und ebenfalls an den Masern starb. Anna starb mit zwölf an einer Hirnhautentzündung und es gab noch eine kleine Schwester: Hildegard, die ebenfalls als Kind starb.

Hermanns bester Freund wird Arzt. Als Kind und junger Mann ist er jeden Tag im Hause Schölch. Es ist so selbstverständlich, als sei er ein weiterer Sohn. Hermanns Mutter nennt er darum auch nur Mutter Schölch. Die Freunde sind selbst am Lebensende noch unzertrennlich: Sie sterben in der gleichen Woche.

Der schöne Hermann kann sich auch schon 1917 vor Frauen kaum retten. Der Jüngling ist umschwärmt. Mit ihm will man sich sehen lassen. Er ist eben ein Schölch, die Kinder der Schölchs gelten gemeinhin als schön. Ausdrucksstarke Augen, ebenmäßige Gesichtszüge. Das trifft auf eine ernste, bisweilen vielleicht saloppe Frömmigkeit, obwohl es Westfalen sind, denen man nicht zu Unrecht eine gewisse Dickschädeligkeit nachsagt.

In der Familie gibt es ja auch das Gerücht, sie seien Einwanderer aus Italien. Doch wenn der junge Hermann bella figura macht, wird es nicht nur mit einer gewissen Ironie gesehen. Man mag es auch hier erkennen. Der junge Schölch scheint Selbstbewusstsein zu haben, stolz mit Krawatte und Vatermörder, wie man diesen hohen, starren Kragen damals nannte.

Eine Nachbarin bemerkt einmal giftig, dass er schon wieder eine neue Dame im Schlepptau habe. Darauf angesprochen kontert Mutter Schölch ganz nach Art der Familienlöwin: „Was bei mir in der Ernte, ist bei Ihnen in der Blüte.“ Darauf herrscht Ruhe. Doch auch der Nachbarssohn wird umschwärmt sein – weniger von der Damenwelt, mehr von der Polizei. Er landet später übrigens im Gefängnis. Er hat Geld unterschlagen.

Neben Vater Jakob die Zwillinge der Schölchs, die auch gleichsam zwillingshaft heißen: Wilhelm und Wilhelmine, geboren am 13. April 1907, genau am zweiten Geburtstag unserer Großmutter.  Es wurde an diesem 13. April also gleich dreimal gefeiert.

P1080120-WilhelmP1080120-Wilhelmine

Wilhelm, der Onkel Willi unserer Mütter, wird am 26. Februar 1943 in Pusanowka, einem Ort in der Landschaft zwischen Kaluga und Orjol, die 350 km südwestlich von Moskau gelegene Geburtsstadt Iwan Turgenjews, fallen. Er war der Lieblingsbruder unserer Großmutter.
Ein für mich damals als kleines Kind großes, gerahmtes Foto, immer noch mit Trauerflor, hing immer an einer Seitenwand in ihrem Schlafzimmer, wenn ich in diesen für mich riesigen Federbetten in der Wohnung im Nordenstiftsweg versank. Über mir das Kruzifix, dessen Holz aus Überresten des Dachstuhls der Pauluskirche stammte, wenn ich mich recht entsinne. Ich schaute nach dem hingeflüsterten Nachtgebet immer kurz nach oben, wenn der gute, aus Eisen getriebene Mensch aus Nazareth sanftmütig und still vom Kreuz auf mich herabblickte. Ehe das Licht gelöscht wurde, dann war da immer noch das Bild Onkel Willis, ein lächelnder Wehrmachtsunteroffizier. Berta, die ihren Mann um 33 Jahre überlebt und seit seinem Tod nur schwarz trug, hat den Tod ihres Sohnes nie verwunden. Auch ihn überlebte sie um fast zwanzig Jahre. Seine Zwillingsschwester Wilhelmine sogar um 55 Jahre. Sie wurde bereits mit achtzehn das erste Mal Mutter und bekam noch vier weitere Kinder. Mit ihrem Haar, das einen leichten Stich ins Rötliche hat, und dem ebenmäßigen Gesicht ist sie eine Schönheit und gleicht der Schönheit aus einem Gemälde von Tizian. Ihr Zwillingsbruder ist das genaue Gegenteil, blond mit blauen Augen.
HammEr hatte noch vor Kriegsausbruch geheiratet. Schnell muss er gemerkt haben, dass dieser Krieg nicht für die Deutschen zu gewinnen ist. „Die weiten Russlands, Ihr macht Euch keine Vorstellung, dagegen kommen wir nicht an“, soll er oft gesagt haben, und irgendwann muss er gewusst haben, dass dieser Krieg nicht nur nicht für die Deutschen zu gewinnen ist, sondern dass er auch selbst diesen Krieg nicht überleben würde. An den letzten Tagen seines letzten Fronturlaubs verabschiedete er sich von seinen Schwestern. Er besuchte jede von ihnen. Als er sich von unserer Großmutter verabschiedet hatte, drehte er sich immer wieder um und winkte noch einmal, ein letztes Mal und ein allerletztes Mal. Er bittet seine Frau Anni, ihm über den Tod hinaus treu zu bleiben. Er fällt. Doch das Leben geht weiter. Sie heiratet trotzdem. Der verzweifelte, gebrochene Schwur macht sie unglücklich wie die Ehe, in der sie kinderlos lebt. Sie ist mit unserer Großmutter befreundet, auch Jahrzehnte noch nach dem Krieg. Ihr sagt sie einmal, sie hätte sich an das Versprechen halten sollen.
Mit Ausnahme von Willi werden sie alle Kinder haben. Theo wird mit seiner zweiten Frau Elisabeth, seine erste starb kurz nach dem Krieg an Tuberkulose, einen Sohn bekommen: Bernd. Thea wird Mutter von Elsbeth, Franziska von Bernd und Heide, unsere Großmutter Elisabeth von Ruth und Gisela, meiner Mutter, Maria von Eckart, Wilhelmine von Hildegard, Wilma, Gerdamarie, Theodor und Heinz. Hermann wird Vater ebenfalls von einem Hermann und einer Marlies sein.
Namen einer Familie, ausschließlich wie ins Wasser geschrieben, so sollte man meinen, und wenn man das tatsächlich meint, meint man es falsch. Man kann sich vielleicht der Geschichte, die in diesem Familienportrait begraben zu sein scheint, vielleicht gerade noch durch Desinteresse entziehen, aber eben nicht den einzelnen Biografien.

Demnächst weiter mit Teil 3…

Pfingsten 1917, eine wahre Geschichte – Teil 1

Manchmal passieren seltsame, unvorhersehbare Dinge im Leben und man fragt sich hinterher: war das Zufall? Oder Schicksal? Gibt es so etwas überhaupt? Diese Zufälle können tatsächlich dazu führen, dass sich etwas ändert. Oder dass Menschen oder Dinge plötzlich eine Rolle im Leben spielen.

Mir ist das vor kurzer Zeit passiert. Weil mir mein Bruder ein Dokument gemailt hat, das ihm unser Cousin geschickt hat. Ich habe kaum Erinnerung an ihn, zu lange ist es her, dass wir das letzte Mal Kontakt hatten. Und auch, weil ich eben immer „die Kurze“ war und damit deutlich jünger als ein Großteil meiner Familie. Es sind nur Bruchstücke, die über meinen Cousin und diesen Teil der Familie (auch meiner!) noch in meinem Kopf sind.

Und, weil ich immer „die Kurze“ war, habe ich nie Kontakt gesucht…wie auch. Ich war noch klein und zu meinem Leben gehörte dieser Teil nicht dazu.

Aber: dieser Text, den mein Cousin geschrieben hat, hat mich sehr beeindruckt. Und irgendwie war ich neugierig. So hat sich ein Kontakt ergeben zwischen mir und meinem Cousin… ein Kontakt, den es eigentlich so niemals gegeben hat.

Ich schätze, dass es mindestens 30 Jahre her ist, dass wir uns gesehen haben. Jetzt trifft man sich „virtuell“, aber immerhin. Und ich möchte mit seinem Einverständnis seine Geschichte hier veröffentlichen. Es ist die Geschichte der Wurzeln unserer gemeinsamen Familie, und sein Text beschreibt sehr beeindruckend die damaligen Verhältnisse. Natürlich kenne ich die meisten der beschriebenen Menschen nicht persönlich, aber er schafft es trotzdem, alles fesselnd zu erzählen. Und er knüpft am Ende noch eine Verbindung zum heutigen Leben.

Und weil er so viel zu erzählen hat, wird daraus eine Serie.

Wir beginnen also mit Teil 1.

 

Familienportrait, Pfingsten 1917.

© Roland Ernst

Früher hatte Fotografie immer etwas Festliches. Man ließ sich nur zu besonderen Anlässen ablichten. Es sollte für später sein, was immer das heißen mochte. Zur Erinnerung? Zum Gedenken? Manchmal wirken diese Bilder in ihrer Konzeption und Anmut wie Gemälde, wie Heiligenbildnisse der Neuzeit. Die Familie wird als eine Einheit dargestellt, eine Mauer gegen die Widrigkeiten aller denkbar möglichen Umstände. So auch hier. Pfingsten 1917. Das Fest des Aussendung des Heiligen Geistes fällt in diesem Jahr auf den 27. Mai. Deutschland ist seit fast drei Jahren im Weltkrieg, der genau jetzt seinen Wendepunkt erfährt. Sechs Wochen zuvor haben die Vereinigten Staaten von Amerika dem kaiserlichen Deutschland den Krieg erklärt und Lenin reist ins zaristische Russland, um seine Revolution vorzubereiten. Im Ruhrgebiet gab es bereits mit dem sogenannten Steckrübenwinter 1916/17 eine Hungerkatastrophe, der Hunderttausende zum Opfer fallen. Im Frühjahr 1917 ist die Versorgung der Bevölkerung auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Die katastrophale Lage führt im April, also einen Monat vor Entstehung dieses Bildes, zu einer massiven Streikwelle in der Rüstungsindustrie.

Das Familienfoto oben ist vermutlich bei einem Fotografen in Hamm entstanden. An diesem Tag sind es rund 24,0 °C. Man ist viel zu warm gekleidet. Doch die wahre Hitze ist anderer Natur.

Hamm_BahnhofEineinhalb Jahre wird der Krieg noch dauern, ein Weltbrand, der alles verändern wird. Europa siedet schließlich weit über diesen Krieg hinaus. Es wird einen noch schlimmeren, verheerenderen Weltkrieg geben, gefolgt von einem kalten Krieg, der doch gleichzeitig die Endlichkeit allen Machtstrebens ins Absurde steigern wird.
Davon ahnt die Familie Schölch, die Familie unserer Großmutter, nichts. Dabei werden auch sie in den Wirren dieses 20. Jahrhunderts verstrickt sein. Schließlich ist dieses Foto neben einer Kaffeemühle das einzige, was von dem Haus im Schleppweg 28 und seinem Inventars übrigbleibt, als es am zweiten Adventssonntag 1944 durch einen Brand- und Phosphorbombenangriff in Schutt und Asche gelegt wird.

P1080120_TheoZu jedem auf diesem Bild gibt es eine Geschichte und dieses Bild erzählt eine eigene Geschichte. Warum schaut der Junge ganz links beispielsweise zur Seite? Der Junge ist Theodor Schölch (1909-1995), den alle nur Theo nennen, dessen Interesse einem Schaukelpferd gilt, das seitlich hinter dem Fotografen steht, wie mir unsere Großmutter immer mal wieder erzählt hat. Am 9. November 1918 wird er keuchend nach Hause laufen. Er hat eine Sensation gehört, die er, damals noch ein Stotterer, wie unsere Großmutter mir erzählte, fassungslos herausschreit: „Wirrrr ssind jätz Republik!“
Dahinter ebenfalls in Marinekluft seine 14jährige Schwester Theodora (1903-1989). P1080120-TheaDie Mode ist ein Bekenntnis: Dass die Zukunft auf dem Wasser liege, hat Kaiser Wilhelm gesagt. Der Flottenbau ist außerordentlich populär. Während der britische Welthandel zwischen 1887 und 1907 lediglich um 80 Prozent zunahm, konnte der deutsche ein Plus von 250 Prozent verzeichnen. Im berühmten Daily-Telegraph-Interview 1908 betont Wilhelm II.: „Deutschland ist ein junges und wachsendes Reich. Es hat einen weltweiten, sich rasch ausbreitenden Welthandel. (…) Deutschland muß eine machtvolle Flotte haben, um seinen Handel und seine mannigfachen Interessen auch in den fernsten Meeren zu beschützen.“ In England wurde die deutsche Flotte als große Bedrohung empfunden. Auch das ist eine der vielfältigen Ursachen für diesen Krieg. Thea, wie sie in der Familie gerufen wird, wird Köchin und einen Ernst Brüggemann heiraten, der eben aus diesem Krieg als Versehrter heimkehren wird – mit einem offenen Bein. Sein Ulcus cruris war eine entzündliche Wunde, die mehr als sechzig Jahre nicht heilen sollte.
Links von ihr Mutter Berta (1874-1962), geborene Kroll. Sie stammt von einem Bauernhof aus Heessen, ihre Mutter Anna, geborene Huismann, lebt, als dieses Familienfoto entsteht, in Köln, wo sie 1922 sechsundachtzigjährig sterben wird. Ihr Vater Kranz Kroll starb 1895 mit fast 71 Jahren. Großmutter Kroll besucht die Familie regelmäßig. Gegen Ende jeden Besuchs sagt sie: „Ich geh‘ noch mal aufs Pöttchen, damit ich auch widderkomme.“ Einmal vergisst sie es. Sie wird Hamm und das Haus im Schleppweg nicht wiedersehen.

P1080120-Berta
Berta Schölch, geb. Kroll (1874-1962)
Jakob Valentin Schölch (1865-1929)
Jakob Valentin Schölch (1865-1929)

Teil 2 in Kürze hier….

Immer mal wieder…

… ein Déjà-vu.

Das ist eine seltsame Sache und jeder kennt es. Meist sieht oder hört man etwas und plötzlich schießen einem Gedanken durch den Kopf und man hat das Gefühl: das kenne ich. Oft ist das kein „echtes“ Déjà-vu, weil man es tatsächlich so ähnlich erlebt hat. So wie ich jetzt in Dänemark. Freunde von mir haben mich eingeladen, mit ihnen nach Dänemark zu fahren. Mal eine Woche abzuschalten. Und das Haus, in dem wir wohnen, ist genau gegenüber von dem Haus, wo wir vor 7 Jahren eben diese Freunde mit unserem Wohnwagen besucht haben. Geplant waren damals ca. 3 Tage, es wurden zwei Wochen draus. Es war ein toller Urlaub und natürlich kommen jetzt „echte“ Erinnerungen hoch. Nicht nur durch dieses Haus von gegenüber, auch durch die große Düne vom Foto oben, den Strand, den Kaufmannsladen gegenüber oder den Großeinkauf in den Läden, in denen wir damals schon waren. Es sind schöne Erinnerungen und ich freue mich, dass ich wieder dort sein kann.

Ein wirkliches Déjà-vu ist aber noch anders. Da erlebt man eine Situation und man hat ganz plötzlich das Gefühl: das habe ich schon einmal erlebt. Aber gleichzeitig ist man sich eigentlich sicher, dass es nicht so ist.

Laut Wikipedia wird es so definiert:

Als Déjà-vu [deʒaˈvy] (frz. „schon gesehen“) bezeichnet man ein psychologisches Phänomen (psychopathologische Bezeichnung: qualitative Gedächtnisstörung), das sich in dem Gefühl äußert, eine neue Situation schon einmal erlebt, gesehen, aber nicht geträumt zu haben.

Hört sich gruselig an und das ist es auch, finde ich. Wie oft erlebt man so etwas? Ich bis jetzt vielleicht zwei- oder dreimal in meinem Leben.

Diese Woche ist bis jetzt voller angenehmer „Flashbacks“, und am Mittwoch werde ich dann auch die dänischen Freunde wiedersehen. Die wir, wie vor 7 Jahren auch, besuchen werden. Ketty hat mich damals etwas an meine Mutter erinnert und als ich das auf der Rückfahrt im Auto erzählt habe („Ketty erinnert mich mit ihrer Mimik und der Stimme an meine Mama“) meinte mein Sohn, damals 8 Jahre alt: „was ist den mimmick und stimmick?“ Wir mussten echt ziemlich lachen, weil es so witzig war. Auch so ein unvergesslicher und herrlicher Moment…  😀

Ach ja…

… wie konnte ich das vergessen? Manchmal schiebt man Dinge vor sich her. Weil man gerade keine Lust oder keine Zeit hat, sie zu erledigen. Manchmal passiert es aber auch, dass man etwas schlicht und ergreifend vergisst. Und lange nicht mehr dran denkt, was mal gewesen oder passiert ist. Manchmal ist das gut, manchmal schlecht. Oder auch egal, weil es nicht wichtig war.

Heute hatte ich so ein Erlebnis. Ich habe nämlich, ohne dass ich das geplant hatte, die große Schublade unter unserem Sofa aufgeräumt. Da drin sind ziemlich viele Sachen, von denen ich zum Teil gar nicht mehr wusste, dass es sie gibt. Das war echt spannend, unfassbar, dass Aufräumen tatsächlich spannend sein kann… 😀

Man nimmt dann diese angesammelten Schätze in die Hand, guckt, begutachtet und überlegt:

Was ist das denn? Wo kommt das denn her? Seit wann das wohl da drin ist? Und dann: Brauch ich das wohl noch? Oder ist es überflüssig, dass es nochmal jahrelang da drin liegt? Manchmal fällt die Entscheidung schnell dafür oder dagegen, manchmal überlegt man länger. Na ja, vielleicht kann man es ja doch noch irgendwann gebrauchen. Und dann, plötzlich, fällt einen etwas in die Hand… Und man freut sich.

Heute ist mir ein Geldschein in die Hand gefallen. Siehe oben. 10 Schweizer Franken. Ich musste nicht überlegen, woher die kommen, ich weiß es nämlich noch ganz genau…

Vor über fünf Jahren habe ich meinen 40sten Geburtstag gefeiert. Mit Familie und vielen lieben Freunden. Die zum Teil weit angereist waren. Und, man darf raten woher und wie weit. Jawohl, meine Freundin aus der Schweiz war da, hat sich ins Flugzeug gesetzt und wir haben ein paar sehr schöne Tage verbracht, gefeiert, gelacht und viel erzählt.

Und: sie brachte mir einen Briefumschlag mit. Darin eine Karte… und ein Geldschein, die 10 Schweizer Franken, die seitdem gewartet haben. Auf der Karte stand:

Für einen Kaffee zu zweit, einzulösen in der Schweiz.

Ich war danach wieder in der Schweiz. Ohne den Schein.. Vergessen…  Da schmiede ich doch sofort einen Plan im Kopf. Wann kann ich das denn endlich einlösen? Und da es ja meine Aufgabe ist, endlich diesen Schein einzulösen, pinne ich ihn jetzt an die Wand. Wo ich ihn möglichst oft zu sehen bekomme. Damit ich ihn nicht vergesse.

Und irgendwann, wenn es passt, werde ich damit in die Schweiz fahren, den Geldschein mitnehmen und endlich mein Geburtstagsgeschenk einlösen.

Würde  ja auch Zeit.

Nicht, dass ich noch 50 darüber werde…  😉 

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Warum mein Blog diesen Namen trägt…

…ist eigentlich ganz einfach.
Nachdem meine Eltern damals schon drei Kinder hatten, passierte etwas Unerwartetes: Meine Mama wurde plötzlich nochmal schwanger.
Und, wie sie immer erzählt hat, war das erst GANZ FURCHTBAR!

Zu meinem Glück hatte sie sich im Laufe der Zeit damit abgefunden und freute sich dann doch. Ich war also am Ende doch eine tolle Überraschung für meine Eltern. *grins*

Da fällt mir gerade auf, dass ich meine drei großen Geschwister nie gefragt habe, wie die das eigentlich fanden. Ich unterstelle mal ganz frech, sie fanden es ganz gut. Stichwort frech: meine Mutter hat damals unseren Kinderarzt um Rat gefragt, weil ich immer so frech war. Er hat sie beruhigt und hat ihr versichert, dass das ganz normal ist…bei drei großen Geschwistern. Sie war dann beruhigt.

Mit der Zeit hatte ich den Spitznamen (ich glaub, es war eher ein Kosename…) „die Kurze“.

Ich war IMMER die Kurze. Ich hatte also praktisch gar keine Chance, zu wachsen. 😉
Aber ursprünglich hatte dieser Name eigentlich gar nix mit meiner Größe zu tun. Eher mit der Reihenfolge des „Auftretens“.

Also, meine Mama war mit ihren 38 Jahren für damalige Verhältnisse schon furchtbar alt für eine Mutter.

Meine Mama, 38 Jahre und ich, ein halbes Jahr.
Meine Mama, 38 Jahre und ich

 

Heutzutage ist das ja ziemlich normal.

Es gibt ein sehr schönes Bild, das sieht fast so aus wie das oben.

Ina mit Oma Ruth
Ina mit Oma Ruth

 

Ich habe heute noch das große Glück, dass ich meine Brüder und meine Schwester notfalls zu Fuß erreichen kann. Wenn ich will. Passiert aber selten. 😀

Ich könnte mir vorstellen, dass das für einige andere Leute gar nicht so erstrebenswert ist… 😉

Für mich gibt es kaum etwas Schöneres….